Mobilitätswende 2022: Was ist der Plan?

Offener Brief 14. Januar 2022


Seit zwei Monaten sind wir sonntags in der Leinemasch, um vor Ort sichtbar zu machen, welche Zerstörung der Ausbau des Südschnellwegs anrichten würde. Wir stellen den Kontext her zum aktuellen, faktischen Weiter-so, das die Klimakatastrophe eskalieren lässt. Und wir solidarisieren uns mit anderen Orten des Widerstands und mit den Menschen, für die diese Katastrophe schon jetzt existenzielle Auswirkungen hat.
Was bringt 2022? Welche Rolle spielen wir – wir alle?

Die Situation
Klage und Eilantrag gegen den Ausbau des Südschnellwegs liegen beim Oberverwaltungsgericht in Lüneburg. Falls der Eilantrag abgelehnt wird, kann sich die Region entscheiden, sofort und noch bis Ende Februar (Ende der Rodungssaison) in der Leinemasch Rodungen zu veranlassen. Es wäre dann möglich, dass der Klage selbst später trotzdem stattgegeben wird und solche Rodungen damit rechtswidrig wären.

Warum sind wir hier?
Wir wollen Rodungen und neue Straßen und den Ausbau bestehender Straßen verhindern. An diesem Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit können wir uns mehr Straße und weniger Wald nicht mehr leisten.

Wir wollen Menschen dafür sensibilisieren, welche Ungeheuerlichkeit es ist, alte Straßen(aus)baupläne umzusetzen, die in keinem Bezug zu verbindlichen Klimazielen stehen und einer erforderlichen Verkehrswende komplett im Weg stehen 1,2. Dass für mehr Asphalt weiterhin Bäume und Wald vernichtet werden, ist die Zuspitzung dieser Ungeheuerlichkeit.

Straßenbaupläne sind nicht in Stein gemeißelt: In Österreich wurde der Jahrzehnte lang geplante Lobau-Schnellweg, der als Tunnel unter einem Nationalpark bei Wien gebaut werden sollte, am 1. Dezember 2021 von der Klimaschutzministerin abgesagt, nachdem dort alle Straßenverkehrsprojekte einem Klimacheck unterzogen worden waren.

Solche Korrekturen sind unausweichlich. Denn die Klima- und die Biodiversitätsentwicklung kennt nur eine Richtung. Bis aber diese Korrekturen greifen, sind alle friedlichen Mittel legitim und erforderlich, die den politischen Preis für das zerstörende Weiter-so hochtreiben und Faktenschaffen verhindern.
Das galt und gilt in Lützerath wie im Dannenröder Forst, im Hambi wie für Castor-Transporte.

Don’t look up: Was werden Sie tun?
Davon auszugehen, dass das gewohnte Weitermachen ein Weiter-so, eine Kontinuität des Alltags und des Lebens in der Zukunft zur Folge hat, ist so viel einfacher. Das gilt für jede*n einzelne*n von uns und ganz besonders für Menschen in Politik und Medien, die Verantwortung dafür tragen, welche Bilder der Zukunft wir uns machen. Aber den Status Quo stillschweigend als Maßstab für die Zukunft zu denken, verstellt den Blick auf die Realität. Und ist ein tödlicher Fehler.

Am vergangenen Wochenende haben sich bei einer künstlerischen Aktion in der Leinemasch viele der rodungsbedrohten Bäume in „Geisterbäume“ verwandelt – einige tragen Zitate von Wissenschaftler*innen, Künstlerinnen und Aktivistinnen3. Die Zitate der Klimawissenschaftler*innen sind niederschmetternd; als Fazit all ihrer düsteren Prognosen lässt sich das Zitat der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk lesen:

„The World is Dying, and we are failing to notice.“

Olga Tokarczuk, Nobel Lecture 2018

Es gibt nur eine Chance, dieses Sterben aufzuhalten. Hingucken.


Leinemasch BLEIBT
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1 Die Kohlendioxid-Emissionen des Pkw- und Lkw-Verkehrs in Deutschland sind in den 25 Jahren vor Corona
gestiegen. https://www.umweltbundesamt.de/daten/verkehr/emissionen-des-verkehrs#pkw-fahren-heute-klimaund-
umweltvertraglicher
2 Was in Deutschland erforderlich wäre, um Klimaziele einzuhalten, hat das Wuppertal Institut 2020 konkret
ausformuliert. Dazu gehört: Autoverkehr bis 2035 halbieren https://fridaysforfuture.de/studie/schluesselergebnisse/
3 Fotos dieser Aktion https://leinemaschbleibt.de/leinemasch/geisterbaeume-in-der-leinemasch/