InfoTour

Du stehst in der Leinemasch, Smartphone in der Hand, und möchtest verstehen, welche Folgen der geplante Ausbau dort hätte?
Die QR-Codes auf den Aushägen an sechs Orten verlinken direkt zu den jeweiligen Infos. Die Tour entspricht etwa den Info-Spaziergängen, die bis Ende Februar 22 jeden Sonntag stattfanden. Ab März monatlich.

Quelle: Feststellungsentwurf – Nds. Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr – Montage: Leinemasch BLEIBT. Blau: Fahrbahnverbreiterung. Rot: Baueinrichtungsflächen/ -straßen

1 Dreiecksteich mit Lkw-Auffahrt2 Mehr Versiegelung, mehr Drecksbrühe3 Is nur Randbewuchs, kann weg 4 Querschnitt für gestern5 Wer braucht schon Bäume6 Alles BaustelleUnd wofür das alles?

Position 1 – Dreiecksteich mit Lkw-Auffahrt

Du befindest dich auf dem Radweg, der an der Nordseite des Südschnellwegs entlang führt.

Der Südschnellweg (SSW) soll um zehn Meter verbreitert werden. Nicht für neue Fahrspuren, sondern für Seiten- und Mittelstreifen. Die eigentliche Erweiterung würde komplett auf der anderen, der Südseite, stattfinden. Aber auch hier auf der Nordseite sind Fällungen geplant, denn von dieser Seite aus würden insbesondere die Brückenbaustellen (3, 6) versorgt.

Der Radweg müsste dazu auf eine 6,50 Meter breite Baustraße ausgebaut werden. Direkt hier ist über die Böschung eine Auf- und Abfahrt zum Südschnellweg geplant, um die Baustellen einfacher mit Material und Geräten zu versorgen.

Die Baueinrichtungsflächen sind auf der Karte rot gefärbt. Dort müsste nicht für den SSW selbst, sondern für die Baustelle gerodet werden. Die geplante zusätzliche Fläche für den SSW ist blau.

Position 2 – Mehr Versiegelung, mehr Drecksbrühe

Du befindest dich zwischen der „Blauen Brücke“ – der Radbrücke Richtung Döhren – und der SSW-Brücke über die Leine.

Hier müssten viele Bäume gefällt und große Bereiche versiegelt werden – insbesondere für eine sogenannte Retentionsbodenfilteranlage (RBF) und entsprechende Baueinrichtungsflächen. In diese Anlage würde der Niederschlag geleitet werden, der auf den beiden Brücken (3, 6) niederginge und unter anderem mit Reifenabrieb verdreckt wäre. Er würde in dieser Anlage gefiltert, bevor er ins Grundwasser geht.

Quelle: Die Filteranlage laut Planfeststellungsverfahren SSW – Erläuterungsbericht Seite 208

Aber filtern ist doch gut. Oder?
Die Niederschläge, die sich jenseits der Brücken auf dem SSW sammeln, versickern mitsamt dem Gift in den Böschungen des Landschaftsschutzgebietes. Das ist aktuell so und würde sich durch den Ausbau nicht ändern. Abgesehen von der Menge: auf der künftig nahezu doppelt so großen versiegelten Fläche des SSW würde sich ja die annähernd doppelte Menge Regenwasser sammeln. Sie müsste in gleichgroßen, aber teils noch nicht durch Wurzelwerk gefestigten neuen Böschungen versickern.

Mehr Starkregenereignisse durch Klimaveränderungen kommen dazu.

Position 3 – Is nur Straßenbegleitgrün, kann weg

Du kommst von Position 2, gehst unter der Brücke hindurch – und zählst dann noch zehn Schritte.

Der SSW soll etwa zehn Meter breiter werden. Das heißt: Zwischen dir und der jetzt hinter dir liegenden Brücke wäre künftig einfach noch mehr Brücke. Alles was da bisher wächst, würde Asphalt weichen – und das natürlich auf ganzer Strecke, also bis Landwehrkreisel und bis zum Tunnelbau in Döhren.

Die Böschung müsste ebenfalls „versetzt“ werden, sie ist zwischen dieser und der Leineflutmulde-Brücke (6) im Durchschnitt zehn Meter breit. Du könntest also noch mal zehn Schritte machen, um zu sehen, was hier gefällt werden müsste, wie viel bestehende Grünfläche insgesamt erst mal verschwinden würde.

Es sind im Bereich der Leinemasch etwa 16 Fußballfelder.

Das ist das „Straßenbegleitgrün“, von dem der Leiter der Landesstraßenbaubehörde im NDR spricht.

Position 4 – Querschnitt für gestern

Dies ist die schmalste Stelle zwischen Böschung und Ufer: Würde wie geplant ausgebaut, würdest du an dieser Stelle in der Böschung stehen. Der unbefestigte Weg wäre dann direkt bis ans Ufer des Sieben-Meter-Teichs verlegt worden.

Warum würde alles so eng? Die geplante neue Fahrbahnbreite des Südschnellwegs – der Regelquerschnitt RQ25 – entspricht dem Regelwerk für Autobahnen. Den Planungen liegt ein steigendes Verkehrsaufkommen zugrunde und das Ziel, dass der SSW „langfristig in die Lage versetzt werden sollte, Umleitungsverkehr der A2 aufzunehmen“ [Erläuterungsbericht Seite 19].

Es gab Einwendungen gegen den Planfeststellungsbeschluss, die auf die Notwendigkeit einer Verkehrswende und auf verbindliche Klimaziele hinwiesen. Sie wurden abgewiesen. Das Argument: Ja, die Verkehrswende sei beschlossen worden und ja, mehr Klimaschutz sei vom Verfassungsgericht gefordert worden – allerdings sei es reine Spekulation, dass der Verkehr wirklich weniger werde, deshalb werde an der alten Verkehrsprognose festgehalten.

Position 5 – Wer braucht schon Bäume

Hier stehst du auf der FKK-Liegewiese – direkt am Steg zum Badeteich. Im Sommer verstecken die Bäume den SSW hinter dir; würde der Ausbau realisiert, würden die Bäume vorm SSW, der noch dazu zehn Meter näher rückte, verschwinden.

Bäume: Welche und wie viele müssten für den Ausbau gefällt werden?

Da nur 80 Bäume aus dem Rodungsbereich auch im Baumkataster der Stadt Hannover registriert sind, ist keine Gesamtzahl bekannt. Im Kataster sind viele große nicht dabei, dafür etliche kleine. Bei den registrierten sind Linden, Ahorn, Schwarz-Erle, Hainbuche, Esche, Pappel und Stieleichen; darunter auch neun mit einem Stammumfang von mehr als 2,50 Metern und neun mit mehr als 1,50 Metern.

Insgesamt sind 11,6 Hektar verschiedener Biotope betroffen. 1,2 ha – das ist mehr als eineinhalb Fußballfelder – werden als nur langfristig wiederherstellbar eingestuft, es dauert mehr als 150 Jahre, bis sie in ihrer „Leistung“ auch klimaregulierend wiederhergestellt wären.

Allein das macht deutlich, dass Ausgleichspflanzungen in keiner Weise ein ernstzunehmender Ausgleich sind.

Position 6 – alles Baustelle

Jetzt hast du die Leineflutmulde-Brücke vor dir. Bleib gern wieder zehn Meter davor stehen und stell dir vor, wie direkt vor dir die neue verbreiterte Brücke beginnt. Das würde genau genommen nicht passieren, weil der Weg verlegt werden müsste: Das neue Auflager der fast doppelt so breiten Brücke passt nicht auf die schmale Landausbuchtung und müsste weiter “an Land” verlegt werden – ebenso der Radweg.

Das Baum-Trio vor der Brücke wäre weg.

Wie würden diese und auch die Leinebrücke, die beide 2024 ihre Nutzungsdauer „erreicht“ haben, überhaupt verbreitert werden?

Zuerst würde auf der Ausbauseite, also der Südseite, mit etwas Abstand von der bestehenden Brücke eine neue Hälfte gebaut. Über diesen Teil würde dann der gesamte Verkehr je einspurig geführt, um den alten nördlichen Teil abzureißen und neu zu bauen. Anschließend würde der Verkehr je einspurig über den neuen nördlichen Teil geführt, um anschließend „über einen Querverschub die südlichen Teilbauwerke an die nördlichen Teilbauwerke heranzurücken.“

Verbreiterung der Brücken über Leineflutmulde und Leine laut Planfeststellungsverfahren – Erläuterungsbericht Abbildung 143 und 148 – oben: der neue Südteil (grün) wird errichtet – Mitte: der neue Teil wird einspurig befahren, die alte Brücke wird abgerissen und neu gebaut (grün) – unten: der Südteil wird herangerückt.

Und wofür das alles?

Bis etwa 2030 wäre die Leinemasch eine Großbaustelle und stünde den Menschen auch in heißer werdenden Sommern nicht zur Naherholung zur Verfügung. Der Verkehr auf dem SSW würde bis dahin die meiste Zeit über einspurig geführt.

Ab etwa 2030 stünde nach Jahren einspuriger Verkehrsführung eine neue Autobahn zweispurig inmitten eines kahlgeschlagenen, vernarbten Landschaftsschutzgebietes für ein Verkehrsaufkommen zur Verfügung, das wir nach Klimagesetzen dann längst nicht mehr haben dürfen.

Ab 2045, dem (zu späten, aber politisch angekündigten) Jahr der Klimaneutralität, in dem der motorisierte Individualverkehr auf einen Rest zusammengeschrumpft sein wird, stünde die SSW-Autobahn dann mindestens noch ein halbes Jahrhundert als sinnlose, verfallende Erinnerung an eine Zeit tödlicher Verantwortungslosigkeit und Klimakollaps-Beschleunigung in der Landschaft.

Diese Geschichte ist im Konjunktiv erzählt. Denn wir können sie noch ändern. Und wir werden sie noch ändern.

Leinemasch BLEIBT! 💙